Dr. Dirk Blothner / FILMWIRKUNGSANALYSE - Der Film als Spiegel der
menschlichen Seele - Tiefenpsychologische Filmanalysen
und Filmbesprechungen nach der Morphologischen Filmpsychologie - Film und
Psychoanalyse, der zeitgenössische Film psychoanalytisch betrachtet
11.07.2004 / Schlüsselfilme für Kinomuffel
8 Thesen zur Zielgruppe 30 +
Kino war lange ein Unterhaltungsmedium der Jugend. Doch seit einigen Jahren
nutzen immer mehr ältere Menschen das Kino. Welche Filme erreichen derzeit
Menschen über 30 Jahren? Für welche Art Kinofilme sind sie bereit Zeit und
Geld aufzuwenden? Welche Ansprüche stellen Sie an das Unterhaltungsmedium?
Die
Filmvorlieben der neu entdeckten Zielgruppe 30 + beschreibt diese
Powerpointpräsentation. Sie wurde erstmals vorgetragen im Rahmen der
Medientage München 2003.
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04.01.2004 / The Hours (USA 2002)
Buch: David Hare
Regie: Stephen Daldry
Der Film führt in die Lebenslinien dreier Frauen hinein. 1923: In
Südengland leidet Virginia Woolf (Nicole Kidman) unter Halluzinationen, ist in
Konflikt mit ihrem Mann Leonard und mit ihren Hausangstellten und ertränkt
sich im Fluss. 1951: In Kalifornien möchte die in ihrer Ehe unglückliche Laura
Brown (Julianne Moore) sich das Leben nehmen, besinnt sich aber aus
Verantwortung gegenüber ihrem fünfjährigen Sohn. 2001: In New York plant
Clarissa Vaughan (Meryl Streep) eine Party zu Ehren ihres Freundes und
früheren Geliebten Richard (Ed Harris), der sich im letzten Stadium seiner
AIDS-Erkrankung befindet und sich kurz vor Beginn der Party aus dem Fenster
stürzt.
Stück für Stück gerät man als Zuschauer in diese Lebenszusammenhänge hinein.
Es wird spürbar und teilweise offensichtlich, dass jede der drei Frauen unter
den Bedingungen ihres Lebens leidet. Virginia Woolf hat sich von ihrem Mann
Leonard dazu überreden lassen, aufs Land zu ziehen und stellt fest, in welchem
Maße sie sich aus Furcht vor anderen bestimmen lässt. Sie fühlt sich dem Leben
nicht mehr gewachsen und möchte sich umbringen. Clarissa muss sich von ihrem
todkranken Freund Richard sagen lassen, dass sie ihn umsorgt, um sich nicht
mit ihrem eigenen Leben zu konfrontieren. Er behauptet, nur ihretwegen sei er
noch am Leben. Und Laura fühlt sich von ihrem biederen Eheleben erstickt, so
sehr sie sich auch bemüht, ihrem Mann eine gute Ehefrau und ihrem Sohn eine
gute Mutter zu sein.
Je länger man diesen Frauengeschichten zuschaut, desto mehr ergibt sich eine
Textur, die alle drei Schicksale überspannt. Man stellt Analogien fest und
Abweichungen. In allen drei Geschichten geht es um das falsche Leben, um den
Tod und um die geringe Aussicht auf das Glück. Alle Frauen haben das Gefühl,
ein falsches Leben zu führen. Es ist das Gewebe des Lebens „so wie es ist“,
dem man hier „ins Auge schaut“ (s .u. Zitate Virginia Woolfs am Ende des
Films), in dem sich Träume in Enttäuschungen und Hoffnungen in Leiden
verkehren. Eine verbindende Ebene erhalten die Geschichten durch Virginia
Woolfs Roman „Mrs. Dalloway“. Im Film schreibt Virginia daran und überlegt
sich, welche Figur sie darin sterben lassen wird. Zunächst fällt die Wahl auf
die Heldin und dann auf „den Poeten“. Laura Brown liest den Roman und sieht
sich in der Heldin gespiegelt, was sie auf die Idee bringt, sich das Leben zu
nehmen. Sie will also über die gelesene Geschichte hinausgehen (in der die
Heldin sich nicht das Leben nimmt). Und Clarissa wird von Richard, einem
Schriftsteller, „Mrs. Dalloway“ genannt, weil sie sich selbst ähnlich wenig
kennt, wie die Romanfigur. Er übernimmt in der Filmgeschichte die Rolle des
sterbenden Poeten und bringt sich um.
Dieses zunächst diffuse Gespür für die Analogien und Abweichungen von Roman
und Lebensgeschichten erhält eine überraschende Bestätigung, wenn enthüllt
wird, dass Richard Lauras kleiner Sohn war, den sie nur einige Monate nach
ihrem Selbstmordabbruch mit ihrer neu geborenen Tochter bei dem Vater
zurückließ. Sie gilt unter den Frauen in New York als „das Monster“ – ein
Ausdruck, den Clarissas Tochter Julia (Claire Danes) ins Gespräch bringt.
Bisher schienen die drei Geschichten nebeneinander herzulaufen. Doch nun
werden sie miteinander verbunden und man bekommt in einer ungewöhnlichen
Gleichzeitigkeit dargeboten, wie frühere Beziehungen (zwischen Mutter und
Sohn) in späteren als Muster erhalten bleiben oder sich abwandeln. Zum
Beispiel litt Richard 1951 darunter, dass sich seine Mutter an dem Roman von
V. Woolf orientierte. Aber in 2001 gibt er Clarissa, die ihn aufopferungsvoll
pflegt, den Namen der Romanheldin, mit der sich seine Mutter identifizierte.
Eine abgewandelte Wiederholung der Vergangenheit.
Das Gewebe von Bezügen zwischen den drei verschiedenen Zeiten und Frauen und
dem Roman, das sich erst im letzten Viertel des Films zu erkennen gibt, rückt
die vorher disparaten Einzelheiten zu einem Ganzen zusammen. Mit einem Male
sieht man alle Figuren in einen Zusammenhang verstrickt, den man vielleicht
als das „Gewebe des Lebens“ bezeichnen kann. Es wird nun deutlich, dass
Literatur und Leben aus ein und demselben Stoff sind. Ja, dass wir die
Geschichten leben, die in den Romanen beschrieben werden: Gelebte Literatur.
Und wenn zum Abschluss plötzlich die um fünfzig Jahre gealterte Mutter
Richards, Laura Brown, in Clarissas Wohnung steht, wird dieser Zusammenhang
physische Realität. Vor Clarissa steht die Frau, die mit ihrem Verhalten
wesentlich zur Ausformung der Beziehung zwischen ihr und Richard beigetragen
hat.
The Hours ist nicht nur ein Film über drei Frauen, die aus dem Rhythmus
des Lebens geraten sind. Der Film von Stephen Daldry macht in seinen 110
Minuten die menschliche Wirklichkeit als ein Ganzes erfahrbar, in dem
verschiedene Lebensbilder aufeinander stoßen, sich anziehen, abstoßen, dabei
manchmal einander beschädigen und doch immer wieder zu Momenten des
gegenseitigen Verstehens finden. Virginia ist in ihrer Psychose gefangen und
muss feststellen, dass sich ihre Hausangestellten über sie lustig machen und
ihr Mann Leonhard von seinen guten Absichten geblendet ist. Laura ist in einer
Depression gefangen, von der nur ihr fünfjähriger Sohn Richard etwas
mitbekommt. Nur für Clarissa scheint es am Ende einen Ausweg zu geben. Sie hat
sich zehn Jahre lang um den an AIDS erkrankten Schriftsteller Richard
gekümmert und dabei ihr eigenes Leben aus dem Blick verloren. Am Ende des
Films befreit sie sich aus ihrer Bezogenheit. Nicht zuletzt mit der Hilfe von
Richards Mutter Laura Brown, die sich fünfzig Jahre zuvor für „das Leben“
entschied und dafür in Kauf nahm, ihren Mann und ihre beiden Kinder allein zu
lassen. Indem die Menschen ihrem Lebensweg folgen, verletzen sie unvermeidbar
andere. Das kann man beklagen oder zu verleugnen suchen. Man kann es aber auch
so sehen wie es ist. Wie sagt Virginia in ihrem Abschiedbrief an Leonhard?
„Dem Leben ins Gesicht zu sehen. Immer! Dem Leben ins Gesicht zu sehen und es
als das zu erkennen, was es wirklich ist. Es endlich als das zu erkennen und
zu leben, was es ist. Und es dann fortzugeben“
The Hours spielte in den USA über 40 Millionen Dollar ein und erreichte
in deutschen Kinos 0,7 Millionen Zuschauer. Ein beachtliches Ergebnis für
einen Film, der einen solch scharfen und schonungslosen Blick auf die
menschliche Wirklichkeit wirft. db
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03.01.2004 / Wirkungsanalyse von Fight Club
Als der Regisseur David Fincher die Produzenten von Twentieth Century Fox
davon zu überzeugen suchte, dass es sich lohnen werde, 50 Millionen Dollar in
das Projekt Fight Club zu investieren, verlangte er, auf Marktforschung in
diesem Falle zu verzichten. Fincher hatte die Romanvorlage für den Film von
Chuck Palahniuk gelesen und ahnte, dass man diese gegen den Strich des „guten
Geschmacks“ erzählte Geschichte keiner Fokusgruppe vorlegen konnte, ohne
entweder einen Sturm der Entrüstung oder sprachloses Kopfschütteln
hervorzurufen… In der Zeitschrift ZWISCHENSCHRITTE 2003 „Alltag im Aufbruch“
(S. 32-46), die jährlich im Psychosozial Verlag ( http://www.psychosozial-verlag.de
) erscheint, kann man nun eine empirische Wirkungsanalyse von Fight Club
lesen: „Alltagsträume – Der Film ‚Fight Club’ von David Fincher“. In dem
Aufsatz geht Dr. Blothner ausführlich auf die verschiedenen Aspekte der
Wirkungsprozesse des Films ein und rückt sie in den Zusammenhang der
Westlichen Kultur am Ende des 20. Jahrhunderts.
Dr. Dirk Blothner I
fon 49 221 418223 I
blothner@filmwirkungsanalyse.de I www.filmwirkungsanalyse.de